Lichterkette reloaded – Über „Laut gegen Nazis“

„Ich weiß was Rassismus ist, schließlich komme ich aus Pinneberg und lebe in Hamburg…“. So erklärt Promikoch Tim Mälzer sinngemäß Rassismus während einer Pressekonferenz von „Laut gegen Nazis“, die er unterstützt. Was als salopper Scherz gemeint war, kann auch nur als solcher von Leuten verstanden werden, die nicht von Rassismus betroffen sind und ist blanker Hohn für alle Menschen, die hingegen tagtäglich davon betroffen sind. Doch Mälzers Spruch zeigt auch, wo Rassismus von der weißen Dominanzgesellschaft allgemein verortet wird, nämlich bei Nazis, meist deklariert als ‘Fremdenfeindlichkeit’.

Wo wir auch schon bei unserem ersten Kritikpunkt zur Veranstaltungsreihe von „Laut gegen Nazis“ sind: Rassismus findet in Deutschland -entgegen deren impliziten Verständnis- alltäglich statt, und zwar auf struktureller, institutioneller und individueller Ebene. Deshalb wird Rassismus logischerweise immer auch von der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ getragen und reproduziert, sei es bewusst oder unbewusst. Besonders krasses Beispiel hierfür ist das Versagen der Behörden und der mangelnden Aufarbeitung seitens der Verantwortlichen bei der NSU-Mordserie, aber auch in den Fällen Oury Jalloh, Christy Schwundeck,  Marwa el-Sherbini, Achidi John, Solingen, Hoyerswerda und denen von Asylsuchenden, die sich aufgrund ihrer menschenunwürdiger Lebenssituation in Deutschland in ihren Unterkünften das Leben nehmen. Diese Liste von Beispielen, die leider noch sehr viel länger sein könnte, zeigt, dass es eine Kontinuität in Deutschland gibt, sich mit den genannten Formen von Rassismus eben nicht auseinanderzusetzen, ja sie sogar zu ignorieren.
Des Weiteren ist diese Veranstaltungsreihe mit einer Imagepflege für die Stadt Hamburg verbunden. Wieso? Immer wenn die Stadt die Möglichkeit hatte zu beweisen, ob es ihr ernst ist mit ihrem ‘Antirassismus’, hat sich gezeigt, dass das alles nur Lippenbekenntnisse sind, sei es unter dem jetzigen SPD-Senat oder in den Legislaturperioden davor. Dies wird unter anderem sichtbar daran, dass das UKE nach wie vor rassistische Alterfeststellungen im Auftrag der Stadt durchführt,  an den  Zuständen im Asylbewerber_innenheim Horst, überhaupt an den die Regelungen von zentralen und restriktiven Aufenthaltsorten für Menschen die Asyl beantragen, an Brechmitteleinsätzen, Segregationen auf dem Arbeitsmarkt, in den Bildungsinstitutionen und in den sozialen Strukturen, kein Wahlrecht ohne deutsche Staatsangehörigkeit sowie finanzielle Kürzungen für (rassismus-)kritische Einrichtungen und Projekte ETC.

Natürlich ist nicht nur die Stadt Hamburg daran interessiert, sich an „Laut gegen Nazis“ zu beteiligen, sondern auch viele Privatunternehmen, die so mit geringem Aufwand ebenfalls ein positives Image gewinnen können. Anhand der geplanten Veranstaltungen wird erkennbar, dass das Konzept auf „Feel good“-Veranstaltungen ausgerichtet ist, wo gemeinsam ‘irgendwas’ gegen Nazis gemacht wird, indem ein Konzert besucht wird. Es wir deutlich, dass „Laut gegen Nazis“ mit den Programmpunkten, die keine konkreten und langfristigen Handlungsansätze aufzeigen, keine kritische Auseinandersetzung und Aufklärung erreichen kann. Darüber hinaus wird nicht klar, ob sie sich überhaupt ansatzweise kritisch mit ihrem eigenen Involviertsein innerhalb gesellschaftlicher rassistischer Machtstrukturen auseinandersetzen möchten. Ihr Programm impliziert, dass dies nicht der Fall ist.

Da die Veranstalter_innen auf die Unterstützung der Studierendenschaft der Uni Hamburg hinweisen, möchten wir in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass auch die ins Studierendenparlament gewählten Parlamentarier_innen, allen voran die Jusos, keineswegs für ihre rassismuskritische Arbeit bekannt sind,  im Gegenteil.

Zusammenfassend sehen wir diese Reihe also kritisch, auch wenn vereinzelt Veranstaltungen in dem Rahmen aufklären möchten. Doch das sind, wie jeder anhand des Programms sehen kann, Nischenveranstaltungen: Der Hauptfokus liegt auf mainstreamkompatiblen Konzerten und Lesungen, in denen die vorherrschenden dominanten Positionen nicht ansatzweise gebrochen und vor allem nachhaltig thematisiert werden. Denn schließlich müssen sich weiße nicht mit Rassismus auseinandersetzen, da sie keinen Rassismus erleben. Mit Veranstaltungen und Reihen wie „Laut gegen Nazis“ beruhigen weiße ihr schlechtes Gewissen und tanzen dabei zu Jan Delay und Smudo, der übrigens gar kein Problem damit hat, sich einerseits medienwirksam gegen Nazis zu positionieren und gleichzeitig einen Fragebogen der dem rechten Milieu nahestehende Zeitschrift „Junge Freiheit“ auszufüllen. Oder sie zünden eine Kerze an. Lichterkette reloaded.

Weitere kritische Anmerkungen zu diesem Thema:

Hamburger Bündnis gegen Rechts (pdf)

Einen Konsequenten Antirassismus vertreten: Statement von Atesh

Advertisements

3 Responses to “Lichterkette reloaded – Über „Laut gegen Nazis“”


  1. 1 andreask9 18. März 2012 um 22:22

    man sollte vielleicht erwaehnen, dass der verlinkte ‚Matthias Brodkorb‘ selbst sehr zweifelhafte Interviews etwa mit dem ‚rechts-links‘-Wendehals Henning Eichberg auf ‚Endstation rechts‘ gehalten hat, er hat sich mehrfach positiv ueber Sarrazin und seine ‚Kritik‘ an den ‚Verhaeltnissen‘ geaeussert und den Vorwurf, letzterer sei ein ‚Rassist‘ sinngemaess mit ‚absurd‘ beantwortet. Brodkorb laesst sich ohne weiteres als Steigbuegelhalter der ’neuen Rechten‘ bezeichnen, seine Faszination an letzteren ist fraglos groesser als seine kritische Distanz.

    • 2 KARaNo 19. März 2012 um 16:44

      Vielen Dank für deinen Hinweis! Wir haben die Verlinkung entfernt. Jetzt müsst ihr uns einfach so glauben, dass es das Interview gab. Oder die Stichwörter „smudo junge freiheit interview“ in eine Suchmaschine eurer Wahl eingeben.

  2. 3 Gözde 18. März 2012 um 23:10

    Danke vielmals für diesen wunderbaren Text!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: