„Griechify your life“ oder: Die heile bundesdeutsche postliberal-rassistische Verlagswelt und ihre Akteur_innen

Ein neues Jahr beginnt, ein neuer Tiefpunkt in Sachen rassistischer Publikationen ist erreicht. Der Rowohlt-Verlag (rororo), der zuvor schon massenwirksam und gewinnbringend „lustige“ Culture-Clash-Belletristik [1] unter die Leute bringen konnte, wie z.B. von Iris Alanyali: Gebrauchsanweisung für die Türkei [2] oder von Roberto Capitoni: Ich mach’ dir Betonschuhe [3] möchte ganz neue Steigerungsmöglichkeiten in Sachen deutscher Selbstvergewisserung auf Kosten national veranderter Menschengruppen erproben.
Das neueste Verlagsprodukt: Griechify your life. Kostenlos das Leben genießen [4] von Dietmar Bittrich und Stefan Stutz vermarktet diesen Pseudo-Ratgeber im Stil von Simplify your life [5] unter dem moralischen Deckmäntelchen der Satire, die ja, wie die weiße, deutsche Mehrheitsgesellschaft meint, bekanntlich alles darf.
Leider darf Satire dann doch nicht alles. Besonders dann nicht, wenn eindeutig die Grenze zum Rassismus überschritten wird. Dies gelingt den Autoren nämlich spielend. Zum einen werden alle als solche bezeichneten „Griechen“ zu einer einheitlichen Gruppe homogenisiert. Dieser werden dann pauschal identische Verhaltensweisen unterstellt. Die Verhaltensmuster wiederum werden naturalisiert, d.h. sie werden als typisches Wesensmerkmal „der Griechen“ ausgegeben. Und zu guter Letzt wird in einer polarisierenden Gegenüberstellung „faule Griechen“ versus „fleißige Deutsche“ die Abwertung der zuvor konstruierten Menschengruppe dazu genutzt, sich selbst (sprich: „die Deutschen“) zu erhöhen. [6] So weit, so schlimm. Schlimmer ist noch, dass dies alles angeblich aus „Liebe“ geschieht: „Dieses Buch ist ein Liebesbekenntnis. Es handelt von der Liebe zu allem Griechischen”. [7] Von welchem Liebesverständnis, so fragen wir uns, soll der Text zeugen? Welchen Freund_innen, Nachbar_innen oder Kolleg_innen würde der Autor denn von Angesicht zu Angesicht sagen: „Du, ich liebe dich und alles Griechische, aber was ich dir schon immer mal sagen wollte: Du bist faul, nichtsnutzig und übrigens – du stinkst voll nach Knoblauch“. [8] Vor so viel Liebe rette sich am Besten wer kann! Vielleicht spricht daraus aber auch die Liebe zum Geld. Das erscheint wahrscheinlicher.
Selbst wenn wir den Bereich der Polemik wieder verlassen, kann nüchtern festgestellt werden, dass das so oft beschworene „Spiel mit Stereotypen“ eigentlich niemand richtig lustig finden kann, außer den Autor_innen selbst, die davon vermutlich gut leben können (ebenso wie deren Verlage), und eventuell noch die angenommene Zielgruppe: andere bornierte weiße Deutsche. Selbst diese Tatsache könnte noch abgehakt werden unter: „Wem es Spaß macht…“. [9] Allerdings unterfüttert oben genannte Machwerk beständig das bereits vorhandene rassistische Wissen [10] über „die Griechen“, bzw. fügt es diesem noch weiteres hinzu und zwar mit angeblich existierendem Datenmaterial. Na, wer war da wohl Inspirationsquelle?
Das Ganze muss zusätzlich noch vor dem Hintergrund des momentanen Diskurses über „die Griechen“ gelesen werden. Hauptfunktion ist dabei, dieser konstruierten Gruppe ihre Befähigung abzusprechen, vollwertige EU-Bürger_innen zu sein. Wozu das wiederum eingesetzt werden kann zeigt dieser taz-Artikel: „Integration in der EU-Krise: Schämt euch, ihr Versager!“ [11]
Abschließendes Fazit: Bittrich und Stutz, ihre Verleger_innen und andere Autor_innen, die ähnliche Texte produzieren sind definitiv Profiteur_innen [12] einer Sparte Unterhaltungsliteratur, die sich nicht davor scheut, altbekannte und immergleiche Stereotype über das vermeintliche Wesen sogenannter „Südländer_innen“ zu verbreiten.
Doch damit nicht der Eindruck entsteht, wir hätten es auf Rowohlt abgesehen. Der größte „Player“ auf diesem Buchmarkt ist er nicht. Das teilen sich vor allem Ullstein und Piper Verlag, aber auch der Fischer Verlag, Goldmann und Bastei Lübbe untereinander auf. [13]

Falls jemand dem Rowohlt-Verlag einen offenen Brief via Email senden möchte, so kann sie_er dies gern hier tun: http://www.rowohlt.de/kontakt
Dietmar Bittrichs Emailadresse ist auf seiner Homepage zu finden: dietmar.bittrich@googlemail.com
Gleiches gilt für den Illustratoren Stefan Stutz: contact@stefanstutz.de

Bitte hinzufügen, dass der Briefwechsel zum Zweck der Dokumentation öffentlich geführt wird. Wir freuen uns auf eure Post!

Frohes neues Jahr wünscht
KARaNo

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[1] Ausgangspunkt dieses relativ neuen, gewinnbringenden Genres der Unterhaltungsliteratur war Jan Weilers Bestseller: Maria, ihm schmeckt’s nicht. Geschichten von meiner italienischen Sippe. Erweiterte Neuausgabe, Ullstein Verlag, Berlin 2004. Erstmals erschienen 2003.
[2] 6. Auflage, rororo, Reinbek bei Hamburg 2010
[3] rororo, Reinbek bei Hamburg 2011
[4] erschienen am 18.10 2011. Einen eigenen Leseeindruck kann gewinnen, wer sich die Leseprobe ansieht unter: http://www.rowohlt.de/fm/131/Bittrich_Griechify.pdf
[5] Werner Tiki Küstenmacher: Simplify your life. Einfacher und glücklicher Leben. Droemer Knaur, München 2008.
[6] Vgl. Funktionsweisen des Rassismus nach Birgit Rommelspacher: Was ist Rassismus? (http://wochenendseminar.blogsport.de/images/seminarreader_01.pdf)
[7] Leseprobe a.a.O. S. 9.
[8] Vgl. Beispielsweise Leseprobe a.a.O. S. 13, S. 17, S.19.
[9] Wie z.B. diesem sympathischen Blogger, der u.a. nichts schlimmes an Sarrazins Buch finden konnte, bzw. damit argumentiert, dass „man“ es doch „sportlich nehmen“ solle: http://schmerzwach.blogspot.com/2011/11/griechify-your-life-von-dietmar.html
[10] Vgl. Definition bei Mark Terkessidis: Interkultur. Berlin 2010, S. 83 und 87f.
[11] Abrufbar unter: http://www.taz.de/!82524/
[12] Vgl. u.a. Norbert Bernhard: Tarzan und die Herrenrasse. Rassismus in Literatur. Basel 1986.
[13] Wie eine kleine Recherche auf amazon.de zeigt, die jede_r selbst schnell durchführen kann, falls ihr_ihm der Sinn danach steht.

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2 Responses to “„Griechify your life“ oder: Die heile bundesdeutsche postliberal-rassistische Verlagswelt und ihre Akteur_innen”


  1. 1 classblind 11. Januar 2012 um 19:24

    Liebe Karanos!

    So sehr ich mich auch freue, dass endlich eine neue Initiative wie ihr endlich ein antirassistisches Anliegen mit intellektuellem Anspruch angeht, etwas solidarische Kritik muss sein.
    Ich freue mich auch, dass jemand mal das neue Genre unter die kritische Lupe nimmt, doch ich frage mich, ob euer Rassismusbegriff nicht etwas inflationär gebraucht wird. Sicherlich hat Deutschland noch viel zu lernen, dass biologischer Rassismus nicht der Einzige und schon gar nicht der Dominante in Deutschland ist, sondern der Kulturrassismus, Neorassismus oder „Rassismus ohne Rassen“ (Hall).
    Dennoch habe ich den Eindruck beim Durchlesen eures Textes, dass in der Schärfe und Polemik eurer Kritik mir etwas zu vorschnell von Rassismus gesprochen wird. Haben wir es hier nicht viel mehr mit einer Ethnisierung zu tun oder wenigstens mit einem positiven Rassismus? Sicher, die Grenzen sind nicht immer ganz trennscharf zu ziehen, aber wir dürfen nicht den Fehler machen wie in den Frühzeiten der antirassistischen Bewegung der 80er in einen moralischen Ton zu verfallen und alles miteinander gleichzusetzen. Wenn wir die klar antidemokratischen Sarrazins genauso polemisch angreifen wie ein paar Ethno-Multikulti-Comedianten, setzen wir Dinge gleich, die zwar verbunden werden können, aber auf keinen Fall gleichgesetzt werden sollen. Diese Gefahr sehe ich zumindest in eurem Text.

    Eine neue rassismuskritische Bewegung darf lt. Mecheril nicht wieder dieselben Fehler begehen wie der stark vereinfachte Rassismusbegriff der 80er. Das wir Multikulti-Spielereien für Weiße ablehnen ist die eine Sache… und das diese nicht so ungefährlich aussehen wie sie scheinen („Ist doch nur Spaß, ne?!“) auch, aber dennoch darf hier m.E. auf keinen Fall undifferenziert mit dem Rassismusbegriff hantiert werden.

    • 2 KARaNo 14. Januar 2012 um 16:08

      Vielen Dank für deinen kritischen Beitrag. Dazu möchten wir folgendes anmerken:
      Wir operieren nicht mit einem „stark vereinfachten Rassismusbegriff der 80er“. Das wird daran ersichtlich, dass unser Text klare Verweise auf konkrete Theorien zu Rassismus bereithält. Wir beziehen uns zum einen auf Birgit Rommelspachers Merkmale von Rassismus, auf den Begriff des „rassistischen Wissens“ nach Mark Terkessidis und auf die sehr komplexen Analysekriterien des „postliberalen Rassismus“ nach Pieper/Tsianos. [1] Rassismen sind nach Hall in einen historischen und sozio-kulturellen/sozio-ökonomischen Kontext einzubetten, was wir in unserem Beitrag mit dem Verweis auf den hegemonialen Diskurs über „die Griechen“ tun.

      Wir operieren in unserer Arbeit bewusst nicht mit Begriffen wie „Ethnisierung“ bzw. „Kulturalisierung“ oder „Positiv-Rassismus“, da unserer Meinung nach, genau diese dazu genutzt werden können, Rassismen zu verharmlosen.

      Zum Analysegegenstand: Es gehört zu der Schreibstrategie der Autor_innen von „Culture-Clash-Comedy“, den Deckmantel der Satire oder des Humors zu nutzten, um rassistische Stereotype über Veranderte gewinnbringend zu vermarkten. Diese Strategie findet sich sogar in der Stereotypenforschung in Bezug auf Unterhaltungsliteratur wieder:

      Da in der Komödie gattungsgemäß Schwächen und Laster dem Spott und dem Gelächter des Publikums ausgesetzt werden, ist sie ein geeigneter Ort für die Negativeigenschaften, die allgemein Kollektiven zugeschrieben werden – seien diese nun Stände, Geschlechter oder Völker. Gebunden an die Figur des komischen Ausländers dienen die entsprechenden Nationaltopoi der Situationskomik. [2]

      Literaturwissenschaftler_innen sehen in Bezug auf Unterhaltungs-/Trivialliteratur eine historisch rückverfolgbare Kontinuität in der Nutzung zu propagandistischen Zwecken durch Vetreter_innen der weißen Dominanzkultur:

      Gottesfürchtig hat also eine teleologische Funktion. Es konstruiert eine einheitlich deutsche Identität auf religiösem Gebiet. Mittelbar ergibt sich die gleiche Forderung für die gesellschaftlich-politische Ebene. Solch eine Forderung macht aber nur Sinn, wenn ein einheitlicher Zustand noch nicht erreicht, bzw. wahrgenommen wird. Deutschland ist also real nicht einheitlich, aber der Wunsch nach einem einheitlichen Deutschland ist nicht zu übersehen. Und: Das homogene Deutschland wird unter Zuhilfenahme des Gegenbildes, dessen, was nicht sein soll, nämlich Frankreich, konstruiert. […] Karl May betritt daher mit seinem Zyklus „Die Liebe des Ulanen“ letztendlich das Gebiet der Propaganda. Ein auf den ersten Blick harmloses Lesevergnügen für die Leserschaft entpuppt sich damit als hochpolitische Schrift. [3]

      Egal, ob die von uns kritisierten Bestandteile dieser Literaturgattung als Ethnozentismus, Ethnisierung, Kulturalisierung oder was auch immer gekennzeichnet werden, Tatsache bleibt, dass diese zu bestimmten Zwecken eingesetzt werden. Die Funktion dieser medial gestützten Diskurse, die sich nicht nur auf Unterhaltungsliteratur beschränken, sondern Mediengrenzen überschreiten, z.B. als Hörbücher, Verfilmungen, Fernsehserien, Spin-off-Texte, Kolumnen etc. besteht nun einmal darin, auf dem Rücken von konstruierten, veranderten, abgewerteten Menschengruppen, Profite zu generieren. Der Markt dafür erhält sich selbst, indem er postuliert sich auf den „kernel-of-truth“, d.h. den „Kern der Wahrheit“ zu berufen, der angeblich allen Stereotypen innewohne. Dabei wird übersehen, dass Stereotype keine einfachen Aussagen über „die Wirklichkeit“ sind, sondern:

      […] Ein (negatives oder positives) Werturteil, das gemeinhin von einer starken Überzeugung getragen wird (oder der Sprecher gibt die starke Überzeugung nur vor, wenn er das Stereotyp gezielt in manipulativer Absicht benutzt, also selbst nicht davon überzeugt ist, daß das Stereotyp zutrifft, ‘wahr ist’). Es wird meist auf Menschen angewandt, und zwar auf menschliche Gruppen, die unterschiedlich definiert sein können: rassisch, ethnisch, national, sozial, politisch, religiös oder konfessionell, beruflich usw. [4]

      Noch eine Anmerkung zu Sarrazins Buch: Wir stellen seine Publikation und deren Auswirkungen auf dominante Diskurse über „Integration“ etc. nicht gleich mit den Verlagserzeugnissen der „Culture-Clash-Comedy“. Aber, und das ist das Interessante daran, kann ein Teil seiner Schreibstrategie in Griechify your life wiedergefunden werden, nämlich die Argumentation mit vermeintlich existentem Datenmaterial, das belegen soll, dass „die Griech_innen“ nun mal so und so seien. Darin zeigt sich, dass die „Humorist_innen“ den Diskurs um Sarrazin rezipiert haben. Vor Sarrazin argumentierte diese Art der Unterhaltungsliteratur mit personalisierten Strategien. Erst hieß es: „Da war ich mal im Urlaub und die sind ja so“. Dann: „Ich hab da in so ne irre komische ‘Exot_innen-Familie eingeheiratet und die sind echt so drauf“. Jetzt wird das ganze gesteigert, indem eben nicht mehr nur die persönlichen Befindlichkeiten wiedergegeben werden, sondern anscheinend das Bedürfnis besteht, diese in dubioser Form ‘objektiv’ zu begründen. Das sind Auswirkungen von Sarrazindebatten, die sich jetzt auf dem Buchmarkt bemerkbar machen, oder?

      Aus allen vorgenannten Gründen möchten wir deine Kritik, dass wir undifferenziert mit Rassismusbegriffen umgehen, zurückweisen. Deshalb verharmlosen wir Rassismus nicht. Wir wenden uns in unseren Analysen explizit gegen eine Verharmlosung von Rassismen unter dem Deckmantel des Humors. Wir kritisieren die Vermarktung von Rassismen. Wir hoffen, dass das durch unsere Ergänzungen besser verständlich geworden ist.

      ———–

      [1] Pieper, Marianne; Tsianos, Vassilis: „Postliberale Assemblagen. Rassismus in Zeiten der Gleichheit“. In: Sebastian Friedrich (Hrsg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der ‘Sarrazindebatte’. Münster 2011, S. 114–131.

      [2] Florack, Ruth: Bekannte Fremde. Zu Herkunft und Funktion nationaler Stereotype in der Literatur. (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur. Hrsg. von Norbert Bachleitner, Christian Begemann, Walter Erhart und Gangolf Hübinger. Band 114). Tübingen 2007. S. 159F

      [3] Stephan Zoll: „Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts als Quelle der historischen Stereotypenforschung. Das Beispiel Karl May“. In: Hans Henning Hahn (Hrsg.) unter Mitarbeit von Stephan Scholz: Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. (=Mitteleuropa – Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas. Hrsg. von Michael Garleff und Hans Henning Hahn, Band 5). Frankfurt am Main 2002, S. 365–380. Hier: S. 375. Hervorhebung von uns.

      [4] Hans Henning Hahn, Eva Hahn: „Nationale Stereotypen“. In: Hans Henning Hahn (Hrsg.) unter Mitarbeit von Stephan Scholz: Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen. (=Mitteleuropa – Osteuropa. Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas. Hrsg. von Michael Garleff und Hans Henning Hahn, Band 5). Frankfurt am Main, 2002. S. 17–56. Hier: S. 20.


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